Sicherung des Hundes
Warum ein Tierschutzhund doppelt gesichert wird, und wie das geht
„Mir passiert das nicht!“ „Ich pass doch auf!“ „Ich habe seit 20 Jahren Hunde, ich kenne mich aus!“ Solche und ähnliche Aussagen hören wir oft, vielleicht haben Sie sie selbst schon benutzt. Und doch passiert es immer und immer wieder: Der Hund entläuft, und es kann zu Verletzungen oder Schlimmerem kommen.
Am häufigsten passiert dies in den ersten Wochen, denn Adoptanten und Pflegestellen meinen leider häufig, sie kennen das alles, oder es passiere schon nichts, und sichern den Hund nicht ausreichend oder sind unachtsam.
Ein Hund, der in Österreich ankommt oder von einer Pflegestelle abgeholt wird, kennt Sie nicht. Er vertraut Ihnen noch nicht, und er hat auch noch keine Bindung an Sie. Er ist nicht dankbar, wenn Sie ihn ins Auto laden, sondern er hat Angst, ist verunsichert und meist völlig mit der Situation überfordert.
Der neue Bewohner muss sich erst an die Familie und die Gegebenheiten gewöhnen und merken, dass Sie ihm nichts Böses tun, sondern nur sein Bestes wollen. Er ist oft nicht an Geräusche, Gerüche und Alltagsdinge gewöhnt, etwa Staubsaugen, Autofahren, die Waschmaschine, Busse oder jede Menge Menschen. Schon die Geräusche aus dem Fernseher oder Radio können Ängste verursachen.
Natürlich ist das immer vom jeweiligen Hund abhängig, da einige ein Grundvertrauen mitbringen, aber viele eben auch schon schlechte oder gar keine Erfahrungen gemacht haben.
In dieser Zeit ist es deshalb zwingend erforderlich, dass Sie besonders auf Ihren neuen Vierbeiner aufpassen. Es sind zusammengetragene Erfahrungswerte; verstehen Sie dies daher bitte als Hilfe, um Ihnen und dem neuen Mitbewohner die Anfangszeit so stressfrei wie möglich zu machen.
Bitte lesen Sie diese Seite aufmerksam durch und verinnerlichen Sie, was wir Ihnen nun erklären.
Die doppelte und dreifache Sicherung: das ausbruchsichere Geschirr
Der Unterschied zu normalen Geschirren ist schnell erkennbar: Das ausbruchsichere Geschirr hat einen zweiten Bauchgurt, der auf der letzten Rippe aufliegen sollte. Diese Stelle ist dünner als die Brust, wo der erste Gurt sitzt, sodass es dem Hund unmöglich ist, sich aus dem Geschirr zu winden oder rückwärts herauszuschlüpfen, wenn das Geschirr fest und richtig sitzt. Denn der zweite und schmalere Bauchgurt kann nicht über die größere Brust rutschen.
Doppelt gesichert heißt, dass der Hund ein Halsband UND ein ausbruchsicheres Geschirr trägt. An beidem wird jeweils eine Leine befestigt, keine Flexileine, und die Leinen werden in jeweils einer Hand gehalten, für den Fall, dass eine herunterfällt. Optimal ist ein Zug-Stopp-Halsband, denn dieses zieht sich zu, wenn der Hund anfängt zu ziehen, würgt ihn jedoch nicht. So kann das Halsband auch nicht in Panik über den Kopf rutschen. Bei jedem Gassigang sollte geprüft werden, ob das umgelegte Halsband über den Kopf gezogen werden kann. In diesem Fall muss es neu eingestellt werden.
Sie werden sich vielleicht fragen: Warum dieser Aufwand? Ein Hund, der in Panik gerät, windet sich in der Regel problemlos rückwärts aus einem normalen Geschirr heraus, genauso wie aus einem Halsband. Er stemmt sich gegen den Zug der Leine nach hinten weg und zieht so das Halsband über den Kopf oder steigt mit den Vorderbeinen aus dem Bauchgurt des Geschirrs. Jeder, der das erlebt hat, weiß, wie schnell es geht und dass der Mensch so gut wie keine Chance hat, dies zu verhindern. Deswegen der Aufwand. Denn nur so sichern Sie Ihren Hund mehrfach und somit wirklich sicher ab.
Es gibt vereinzelt Hunde aus dem Tierschutz, die noch nach Jahren in einer ihnen unbekannten und bedrohlichen Situation vor Schreck entlaufen. Daher sollte die oben beschriebene Doppelsicherung zur Regel im Umgang mit dem Tierschutzhund werden, und zwar von der ersten Sekunde an. Eine Zeitangabe, wie lange die Doppelsicherung nötig ist, kann nur im Ermessen des Adoptanten liegen, der den ihm anvertrauten Hund in jeder Lebenslage kennengelernt hat. Erfahrungswerte zeigen aber, dass es mindestens vier Wochen sein sollten. Bei ängstlichen oder unsicheren Hunden definitiv länger.
Sie können über uns im Vorwege ein Sicherungsgeschirr erwerben, das Ihr Hund dann bereits bei der Übergabe trägt. Fragen Sie hierzu Ihre Vermittlerin oder Ihren Vermittler.
Im Haus
Sehr häufig hören wir: „Ich habe doch nur kurz ein Paket angenommen“ oder „Ich war nur eben den Müll rausbringen“. Und genau dann quetscht sich der Hund in Bruchteilen von Sekunden durch die Beine oder durch den halbherzig mit einem Wasserkasten oder Fuß gesicherten Türspalt. Und weg ist er. Das muss nicht sein. Bitte überlegen Sie in solchen Situationen genau, wie der Hund jetzt ausbruchsicher untergebracht werden kann. Diese 30 Sekunden des Nachdenkens und Handelns können Leid und Aufregung ersparen. Bewährt hat sich hier auch eine Hausleine, die in den ersten Tagen auch im Haus am Geschirr befestigt bleibt und Ihnen die Möglichkeit gibt, zuzugreifen.
Falls in Ihrer Wohnung oft Menschen ein- und ausgehen, sollten Sie zudem immer eine geschlossene Zwischentür zum Hund ermöglichen. Es ist schnell passiert, dass das Kind von der Schule kommt und der Hund schneller durch die Tür hinaus rennt, als das Kind drinnen ist.
Offene Fenster und Balkone sind ebenfalls eine Ausbruchsgelegenheit. Gerade tiefer liegende Fenster sind dafür bestens geeignet, um einfach hinaus zu hüpfen und durch den Vorgarten zu entkommen. Hunde können eine enorme Sprungkraft haben. Bei einem frisch angekommenen Hund stellt ein offenes Fenster oder der Zugang zum Balkon ein erhöhtes Risiko dar.
Sie kennen die Fähigkeiten und Reaktionen Ihres neuen Hundes noch nicht, und auch Sie müssen erst lernen, was er kann, wovor er Angst hat und wie er in welcher Situation reagiert. Behalten Sie das bitte immer im Hinterkopf.
Im Garten
Oberstes Gebot am Anfang: Niemals den Hund frei laufen lassen. Auch nicht kurz für ein Foto. Und niemals den Hund ohne Aufsicht im Garten lassen. Denken Sie daran: Der Hund hat noch keine Bindung zu Ihnen, auch wenn Sie meinen, dass er Sie bereits ins Herz geschlossen hat. Haben Sie Geduld.
Somit sind wir beim Zaun im Garten. Dieser sollte erstens hoch genug und zweitens nicht schnell zu untergraben sein und keinen Abstand zum Boden haben, durch den sich ein Hund quetschen kann. Je nach Größe und Einschlag Ihres neuen Bewohners kann eine Höhe von 1,60 m völlig ausreichen, sie kann aber auch deutlich zu niedrig sein. Hier ist die Devise: so hoch wie möglich absichern, und selbstverständlich dürfen nirgendwo auch nur die kleinsten Lücken sein. Der Hund wird sie garantiert finden. Sollten Sie unsicher sein, fragen Sie bitte Ihre Vermittlerin oder Ihren Vermittler und sprechen Sie es gezielt bei der Vorkontrolle an.
Der Zaun kann aber auch gar kein Hindernis sein, denn es gibt wahre Kletterkünstler, die jeden Zaun hochklettern und so einfach verschwinden. Gerade Maschendrahtzäune und Zäune mit kleinen Unebenheiten sind besonders dafür geeignet, eine Klettergrundlage zu bieten. Sichern Sie deshalb Ihren Hund die ersten Wochen ab; er trägt zum Beispiel auch im Garten immer eine Schleppleine, sodass Sie notfalls eingreifen können.
Und noch ein Tipp: Das Gartentor sollte gerade am Anfang abgeschlossen werden. Der nette Nachbar, der zum Kaffee herüberkommt, öffnet das Gartentor, und der Hund ist weg. Das hat wirklich niemand gewollt.
Im Auto
Das Auto bietet drei Möglichkeiten, den Hund zu sichern.
Die erste ist die Transportbox, welche besonders am Abholtag mit Abstand die sicherste Methode darstellt. Der Hund kommt vom Transporter direkt in die Transportbox, wird in dieser zum Auto getragen und zu Hause samt Box in die Wohnung gebracht und erst dann aufgemacht. Der Hund wird die Box verlassen, wenn er das möchte; bitte lassen Sie ihm seine Zeit. Und auf dem Weg nach Hause lassen Sie den Hund auf gar keinen Fall hinaus zum Pipimachen oder Trinken. Das ist die häufigste Entlaufsituation am ersten Tag. Und diese endet meist unschön, da dies häufig auf Rast- oder Parkplätzen passiert und die Schnellstraße direkt nebenan ist. Wenn Sie im Sommer Sorge haben, dass der Hund auf einer sehr langen Fahrt unbedingt trinken muss: Steigen Sie, sofern möglich, in den Kofferraum, schließen Sie alle Türen und Fenster und geben Sie ihm dann zu trinken. Bedenken Sie, dass der Hund völlig gestresst ist: von Ihnen, der Fahrt, der Situation und den unbekannten Geräuschen und Gerüchen. Der Hund wird flüchten, wenn er kann. Und seien Sie sicher, er hatte im Transporter jederzeit die Möglichkeit zu trinken, sodass selbst eine Fahrt von etwa drei Stunden ihn nicht austrocknet.
Die Sicherung auf der Rückbank ist die zweite Möglichkeit. Es gibt dafür spezielle Anschnallgurte für Hunde, welche in das normale Gurtschloss gesteckt werden. Die Leinen am Hund bleiben dran. Hier gilt es ganz besonders darauf zu achten, dass keine Autotür geöffnet wird, bevor die Leinen sicher und fest in der Hand gehalten werden. Erst dann werden die Türen geöffnet. Am besten bleibt ein Mensch während der Fahrt zusammen mit dem Hund auf der Rückbank, da es Hunde gibt, die Leinen, Geschirre und Anschnallgurte zerkauen, um frei zu kommen. So erleben Sie keine böse Überraschung.
Die dritte und definitiv unsicherste Transportmöglichkeit ist der Kofferraum. Den Hund lose im Kofferraum zu transportieren, ist besonders für die Anfangszeit denkbar ungünstig, und wir bitten Sie, dies nicht zu tun. Auch später gilt, dass der Hund im Inneren des Autos mit einer Leine gesichert werden muss, und bevor der Kofferraum geöffnet wird, müssen die Leinen sicher und fest in der Hand sein. Prüfen Sie bitte ganz genau, ob der Hund die Leine oder das Geschirr zerkaut hat, bevor Sie das Auto öffnen.
Nach unserer Erfahrung ist es schön, wenn Sie jemanden haben, der mit Ihnen den Hund abholt. Es ist eine Hilfe und gibt Ihnen auf der Rückfahrt die Möglichkeit, bei Ihrem Hund in der Nähe zu sein und beruhigend auf ihn einzuwirken. Das schafft die ersten zarten Bindungen, der Hund lernt Ihren Geruch und Ihre Stimme kennen, und die gemeinsame Zeit kann beginnen.
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